Ein staubbedeckter, glühender Rückspiegel

 Mein liebster Geist,

Du bist wieder an mir vorbeigegangen, während ich schlief; ganz langsam, es scheint, hast du dich zu einem wiederkehrenden Nachtschaden entwickelt. Sehr spät stand ich auf, legte auf dem runden Küchentisch die schreckliche lachsfarbene Plastiktischdecke über das weiße Leinentuch mit Rüschen auf der dicken roten Wolle mit goldenen Blumen und Fransen. Es war nicht nötig, den Heizstrahler anzuschalten. Der Tag war mild und warm wie ich, umgeben von Bienen in Rosmarin und Malven. Und so konnte ich mich widmen, Krümel herzustellen. 

Bekannt ist, dass das Geschäft irgendwie noch weiter geht, und dort wirst du weiterhin zerbrochene Dias vor unbekannten Zeugen vorführen. Nicht dass ich noch fragen darf. Man redet nicht, oder niemand wagt es mehr, etwas anderes als es durch die Blumen zu sagen. Ich weiß nur, dass ich dich nicht wie die schönen Porzellanscherben - die in die Mauer gesteckt sind, ständig bereit, getüncht zu werden - einsammeln konnte. Die Wirtschaft betäubt uns mit den fremden Kriegen, den gemeinsamen Ängsten, den universellen Rückschritten, und ich fahre weiter. Manchmal schaue ich in den Rückspiegel und bleibe mit blindem, glänzendem Blick zurück. Die Sonne geht immer wieder unter, und ich frage mich, ob auch Geister sinnlose Reminiszenzen verdauen. Untoten tun nichts anderes. 

Die menschliche Natur trägt ein Talent in sich, das größer ist als das Leben selbst: die leidenschaftliche Wiederholung ihres besonderen Zwangs bis zur völligen Klarheit oder die Zuweisung einer viszeralen Bedeutung. Dramaexperten nennen dies Katharsis, im Grunde genommen die bis zum Überdruss gehende Enthüllung unserer kleinen Tragödien innerhalb der Gesellschaft. Dies wird auch Trauer genannt, ein unerschöpflicher Arbeitsprozess. Oder so etwas in der Art, habe ich vor kurzem gelesen, um auf ewig die fehlenden Teile zu bezeugen und zu preisen.

So war es wohl von Anfang an, du bist vorwärtsgetorkelt. Es sind diese Momente, in denen du stolperst, die in einem gestörten neuronalen System immer noch kaleidoskopische Zustände auslösen: Du sagst kein Wort mehr, und ich starre weiter auf den Schatten, den du in mir gelassen hast. Ich wünschte, du wüsstest, wie viel erbärmlicher es geworden ist, als du es dir jemals vorstellen könntest. Für mich natürlich.

Bis du eines Tages in meinem Spinnennetz zu Staub zerfällst, da bin ich mir sicher.



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